Die Magie der Zugfahrten in Indien

Die Magie der Zugfahrten in Indien

20. November 2019 0 Von Jasmin

26 Stunden im Zug stehen uns bevor.

Wir decken uns am Abend mit Snacks für die Fahrt ein, alles wird gut verstaut und dann sind wir bereit. Nachdem das Ticket buchen sich etwas komplizierter herausgestellt hat. Denn in Indien spontan ein Zugticket zu buchen ist für Touristen nicht all zu einfach. Es gibt natürlich nur eine begrenzte Anzahl an Fahrscheinen und da diese für Einheimische recht erschwinglich sind und die indische Bevölkerung derzeit auf etwa eine Milliarde dreihundertachtundachtzig Millionen zweihundertneunundvierzigtausendfünfundsechzig Menschen geschätzt wird, versteht sich dies von selbst. Dazu kommt, das man eine indische Identifikationsnummer (also einen Pass) haben muss. Wir buchen das Ticket über einen Mitarbeiter im Hostel, denn es gibt die sogenannten Tatkal Quata Tickes (24 Stunden vorher bekommt man emergency Tickets, vergleichbar mit last Minute Fahrscheinen), welche man am Morgen des Vortags buchen kann. Zwischen 11 Uhr und 11.15 Uhr muss man in den Startlöchern stehen und dann heißt es:  schnell sein. Drei Versuche hat es uns gekostet, somit drei Tage. Wir haben Sleeper Class gebucht und sind gespannt, was uns erwartet.

So geht es am Morgen mit dem Tuck Tuck, ungewöhnlich viel Platz zu dritt , da wir im Grunde gewohnt sind zu viert mit vier großen Backpacks in nur einer Autorikscha zu fahren, zum Bahnhof.

Keine Vorstellung von dem, was uns bevor steht. Geht es los – das nächste Abenteuer

      

Erstaunlich gut organisiert finden wir uns an der Zugstation ein und machen uns nach kurzem Suchen, auf den Weg zum richtigen Gleis. Nicht lange warten wir, da fährt der Zug schon ein. Pünktlich und ohne großes Chaos geht die Fahrt auch schon los.

  

Unsere Plätze sind alle zusammen und werden später zu Betten umfunktioniert.

Ein herrliches Leben herrscht im Zug. Das Abteil ist voll mit Einheimischen und wir zwischen drin.

Alle richten sich ein, verstauen Gepäck unter den Bänken und machen es sich gemütlich.

Wir sitzen einer Mutter und ihrem Kind und dem Großvater gegenüber. Wie schön, dass ein Lächeln verbindet. Denn anfänglich ist der Kleine noch etwas schüchtern und weiß nicht genau wie ihm geschieht, doch nach und nach geht er auf Tuchfühlung, sitzt auf dem Schoß, untersucht Rucksäcke und fängt an zu erzählen… Dass er später bleiben will und sich ungern trennt, ist eine weitere Anekdote. Doch zu erst beschreibe ich das Leben im Zug, denn immer wieder laufen Männer durch die Wagons und putzen, bieten Chai Tee oder diverses Essen an. Aber auch Kopfhörer oder Vorhängeschlösser werden verkauft.

Einige Stopps ermöglichen Passagieren aus – oder zuzusteigen. Lautes Stimmengewirr ertönt in den Gängen und nach den ersten vier Stunden habe ich mich an das Treiben gewöhnt…

Neben mir schlägt die Tür immer wieder auf und zu und ermöglicht mir gute Sich auf die Landschaft. Bäume, trockene Wiesen und Hügellandschaften ziehen an uns vorbei.

Sobald man sich Bahnhöfen nähert, breitet sich ein Teppich von Müll aus und die Nase erkennt vor dem Auge, dass es sich um den nächsten Halt handelt.

Abends wird es kuscheliger. Drei Männer gesellen sich zusätzlich zu unseren Sitzplätzen und bringen einiges an Waren mit. So sind wir inzwischen neun Personen, für 6 Betten. Doch wie sich später herausstellt, ist dies nicht der Rede wert.

Da sitzen wir, etwas eng aneinander gequetscht beisammen, vertreiben uns die Zeit mit Spielen, Filmen gucken, Büchern und lassen uns von dem kleinen Jungen unterhalten, der sich in seiner Rolle inzwischen sichtlich wohl fühlt. Es wird gemeinsam gegessen und gelacht. Dafür liebe ich Indien. Obwohl man sich sprachlich nicht verständigen kann, wächst man zusammen. Einfach die Geste, dass man abends etwas zu Essen in die Hand gedrückt bekommt und es als selbstverständlich gilt. Das ist soo schön!

Als wir die Betten runterklappen und uns allmählich zurückziehen, krabbelt der kleine eine Etage höher und kuschelt sich zu mir. Hätte die Mutter es erlaubt, er wäre die ganze Nacht geblieben.

 

Tja und wie ist so eine Nacht im Zug?

Ganz anders als im Bus. Es ist laut, es ist hell und auch etwas frisch. Ich kuschle mich in meinen Schlafsack, ziehe mir die Kapuze über den Kopf und falle in einen leichten Schlaf. Hin und wieder wache ich auf, überprüfe ob meine Wertsachen noch da sind, im Rucksack verstaut, eingeschlossen im Packsafe unter meinem Kopf, und weiß nicht ob mir warm oder kalt ist.

Der Morgen kommt schneller als erwartet, es wird hell und im Zug ist regelrecht Aufbruchsstimmung. Ich drehe mich aber nochmal um und schlafe weiter, bis ich eine Hand in meinem Gesicht spüre! Der kleine Freund war so fasziniert von dem Schlafsack, dass er ihn anfassen wollte und dabei in meinem Gesicht landete. So spielen wir noch kurz, da ich direkt nicht mehr allein auf dem Bett sitze…

Aufgewacht, packe ich meine Sachen zusammen und dann wird das Bett wieder zum Sitz umfunktioniert, da ich in der Mitte schlafe.

Der Morgen ist nebelig und etwas frisch, aber abseits der Gleise herrscht schon ein buntes Treiben- das verrät: in absehbarere Zeit erreichen wir Varanasi-nach 30 Stunden!